Body Neutrality - Mein Weg zur Selbstakzeptanz
ESSAYS & GEDANKEN
Katharina Schrei
6/21/2026

Vor ein paar Wochen packte ich meinen Reisekoffer für meine Holland-Reise und war auf der Suche nach einer Waage, um sicherzugehen, dass die Gewichtsvorgabe für das Gepäckstück nicht überschritten wird. Als ich keine Waage fand, deren Batterien noch funktionierten, fiel mir auf, dass ich mich seit über einem Jahr nicht mehr gewogen hatte. Davor machte ich das wöchentlich, teilweise sogar täglich, es war für mich selbstverständlich, meinen Körper aufgrund der aufscheinenden Zahl zu bewerten und mich selbst entweder zu loben oder zu kritisieren.
Mein Körper war lange Zeit der Indikator für mein Selbstbewusstsein und meine Selbstliebe. Ich definierte mich selbst nicht nach meinem Charakter, meinen Stärken oder meiner Persönlichkeit, sondern danach, ob ich in diesem Moment gerade eine schlanke Figur hatte. Mein Selbstbild war geprägt von den Meinungen anderer und von gesellschaftlichen Erwartungen, denen ich jahrelang mit aller Kraft gerecht werden wollte.
Als Kind war ich übergewichtig, Hänseleien und Kommentare zu meinem Körper waren mir also schon in jungen Jahren durchaus bekannt. Ich hatte nie ein Problem mit mir und meinem Aussehen - bis mir durch mein Umfeld immer wieder vermittelt wurde, dass mit mir etwas nicht stimmt, weil ich nicht so aussah wie alle anderen. Als Jugendliche habe ich durch einen Wachstumsschub zwar an Gewicht verloren, war aber trotzdem nie wirklich dünn und sportlich. Mein Gewicht schwankte, mein Selbsthass erlangte in dieser Zeit den absoluten Höhepunkt. Als junge Erwachsene beschloss ich etwas zu ändern, begann regelmäßig Sport zu betreiben, mich gesünder und ausgewogener zu ernähren und an meinem Selbstwert zu arbeiten. Ich merkte, wie anders mich Menschen seither wahrnehmen und behandeln. Dadurch verinnerlichte ich den Glaubenssatz, dass mein Aussehen der Maßstab für meinen menschlichen Wert ist. Ich war zwar deutlich selbstbewusster und fühlte mich wohl in meiner Haut, machte die Meinung über mich selbst aber noch sehr stark von externen Personen abhängig.
Einer dieser Personen war mein Ex-Freund. Dieser drohte mir immer, mit mir Schluss zu machen, sollte ich je die 60 kg erreichen. Jahrelang hatte ich Angst vor dieser Zahl und tat alles in meiner Macht stehende um diese nicht zu erreichen. Primär ging ich zwar ins Fitnessstudio, um Kraft aufzubauen, trotzdem integrierte ich regelmäßig Cardio-Einheiten, um einer eventuellen Gewichtszunahme entgegenzuwirken. Ich betrieb phasenweise Intervallfasten und überlegte, meine Kalorien zu zählen - all das, um mein Gewicht zumindest zu halten und im besten Fall weiter zu verlieren. Zu dieser Zeit war ich zwar sehr schlank und sportlich, aber auch ständig krank, oft antriebslos, sehr unsicher und mental im Dauerstress.
Irgendwann begann ich diese dauerhafte Unzufriedenheit mit mir selbst und meinem Leben zu hinterfragen und merkte, dass diese Zahl in Wahrheit gar keine Bedeutung hat. Sie war mir nur so wichtig, weil der Mensch, den ich damals liebte, ihr eine Bedeutung zuschrieb. Ich realisierte, wie viel Macht ich diesem Menschen über mich gab und wie ich mich von seinen Anforderungen verrückt machen ließ, obwohl er scheinbar keine Ahnung von den Auswirkungen von Muskelaufbau auf den Körper, den weiblichen Hormonhaushalt, Gewichtsverteilung und Genetik hat. Heute weiß ich, dass es nicht an mir oder meinen Körper lag, sondern das seine Unsicherheiten und patriarchalistische Prägungen das Kernproblem dieser Anforderung waren. Mein weiblicher Körper sollte so wenig Raum wie möglich einnehmen - genau wie ich in dieser ungesunden Beziehung, die ich mitunter deshalb verließ.
Während ich noch in dieser ungesunden Beziehung steckte, entdeckte ich Body Neutralitydurch Social Media. Besonders ansprechend fand ich dieses Konzept, weil es einen Gegenpol zu Body Positivity bildet. Body Neutrality verlangt von mir nicht, meinen Körper zu lieben, sondern ihn zu akzeptieren. Während mir Body Positivity und radikale Selbstliebe in Vergangenheit durchaus geholfen hat, fühlte es sich irgendwann nicht mehr authentisch an. Denn, obwohl es mir schwerfällt das zuzugeben, liebe ich mich selbst nicht jeden Tag. Es gibt Tage, an denen ich mich weder hübsch noch gesund oder zufrieden fühle. An diesen Tagen habe ich auch oft nicht die Kraft Positivität und Selbstliebe krampfhaft zu erzwingen.
Die Hauptaufgabe des menschlichen Körpers ist es, uns am Leben zu erhalten, uns sicher durch den Alltag und die Höhen und Tiefen des Lebens zu navigieren und alle nötigen Körperfunktionen bestmöglich durchführen zu können. Es geht nicht darum, wie unser Körper aussieht, sondern darum, dass er funktioniert. Solange er das tut, gibt es viel, wofür man dankbar sein kann. Dieser Gedanke ist für mich nach wie vor total beruhigend, weil er die komplette Wertung aus diesem Thema herausnimmt und Schönheitsideale und Ästhetik nebensächlich macht.
Seitdem ich mich mit Body Neutrality nicht nur gedanklich befasse, sondern auch aktiv auslebe, verändert sich die Beziehung zu meinem Körper Stück für Stück ins Positive. Ich habe für mich gemerkt, dass Sport mir nur dann körperlich und mental guttut, wenn ich den Druck, mich ständig steigern zu müssen, entferne. Daher meldete ich mich nach fast drei Jahren vom Fitnessstudio ab um den Fokus beim Sport auf meine Gesundheit, mein Wohlbefinden, körperliche Mobilität, Abwechslung und vor allem Spaß zu setzen. Mein Bauch ist zwar nach wie vor nicht flach, meine Muskeln sind auch nicht mehr so definiert wie früher und auch Gewichtsschwankungen bleiben nicht aus, aber - ich bin endlich glücklich. Glücklich, weil ich endlich Frieden mit mir geschlossen habe. Und dieser Frieden brachte mir Freiheit. Anstatt gegen meinen Körper zu arbeiten und ihn in Routinen zu zwingen, die für mich nicht funktionieren, versuche ich in Einklang mit meinem Körper zu leben und nach meinem eigenen Rhythmus zu gehen.
Eifert man sein Leben lang einer bestimmten Figur hinterher ist es anfangs erstmal sehr ungewohnt loszulassen - von den eigenen Vorstellungen, von den Erwartungen anderer und dem Ideal, welches man verinnerlicht hat. Es ist nach wie vor sehr leicht, in alte Muster zu fallen und umso schwerer, wieder aus ihnen herauszukommen. Ein Grundsatz, der mich dabei aber immer wieder begleitet, ist der, dass mich so viel mehr ausmacht, als nur meine Figur. Mein Körper hat mich erfolgreich durch sämtliche Lebenslagen und Herausforderungen getragen, wofür ich zwar sehr dankbar bin, was ihn aber trotzdem nicht zum Mittelpunkt meines Lebens macht.
Neutralität und Akzeptanz sind für mich befreiend. Sie lenken den Blick weg von Äußerlichkeiten und hin zu den Dingen, die im Leben wirklich zählen. Ich fühle mich nicht jeden Tag gleich – das ist okay und muss nicht immer analysiert oder bewertet werden. Manchmal darf ein Gefühl einfach da sein. Body Neutrality hat bewirkt, dass die Rolle meines Körpers immer kleiner wird, dafür meine inneren Werte immer weiter in den Vordergrund rücken.
